Das Geheimnis

von Martin Maxeiner. Eine Kinderrede aus dem Jahr 1996.

Es war einmal ... , so fangen alle Geschichten an, die sich vor langer, langer Zeit zugetragen haben, und da auch meine Geschichte für euch vor vielen, vielen Jahren spielt, fängt sie so an:
Es war einmal ein kleiner Junge, der war acht Jahre alt und hieß Lukas. Lukas lebte in der Stadt Myra in Kleinasien und das ist ziemlich weit weg von Deutschland.
Der Vater von Lukas war der Stadtälteste, das ist so etwas ähnliches wie der Bürgermeister, jedenfalls kamen die Leute immer zu Lukas Vater, wenn sie einen Rat brauchten. Dann saßen sie in der Wohnstube zusammen und überlegten, was zu tun sei.
Lukas war sehr stolz auf seinen Vater, denn sein Vater war ein kluger Mann und wusste fast immer eine Lösung für die Probleme der Menschen. Ganz besonders stolz war Lukas, wenn er bei den Versammlungen des Rates der Stadt in der Wohnstube dabei sein durfte. Er saß dann auf einem kleinen Stuhl neben seinem Vater und hörte den Leuten zu.
An einem Abend saßen sie so zusammen und hatten große Probleme zu besprechen, denn in der Stadt Myra lebten nicht nur Menschen wie Lukas und seine Familie, es gab dort auch eine Straße mit alten verfallenen Hütten. Dort lebten Menschen, die sehr arm waren. Viele von ihnen hatten keine Arbeit und konnten kein Geld verdienen. Als nun der Winter kam, wurde es richtig schlimm für sie, denn sie hatten nicht genug Geld um Holz für die Heizung zu kaufen oder warme Sachen zum Anziehen. Deshalb überlegte der Rat der Stadt an diesem Abend bei Lukas Vater im Wohnzimmer, wie man den armen Menschen wohl helfen könne.
Lukas kannte zwei Kinder, die in den verfallenen Hütten wohnten. Sie hießen Sarah und Elisabeth und gingen mit ihm in die Schule. Lukas wusste auch, dass die beiden Mädchen, obwohl es kalter Winter war, immer mit dünnen Sommerschuhen durch den Schnee gingen, denn sie hatten keine warmen Winterstiefel.
Als nun die Erwachsenen an diesem Abend beratschlagten, musste Lukas an Sarah und Elisabeth denken und da hatte er auf einmal eine Idee: Lukas hatte zwar selbst kein Geld, das er den Mädchen hätte geben können, aber er hatte in seinem Zimmer noch zwei herrliche Äpfel liegen und ein paar Nüsse waren auch noch dort. Er wollte sie eigentlich am nächsten Morgen zum Frühstück essen, aber jetzt stand er von seinem Stuhl neben seinem Vater auf und holte die Sachen aus seinem Zimmer.
Die Erwachsenen waren so in ihr Gespräch vertieft, dass niemand bemerkte wie der Junge seine Jacke und seine Schuhe anzog und sich auf den Weg zur Hütte der beiden Mädchen machte.
Es war eine dunkle und kalte Nacht, aber das war Lukas egal, er wollte Sarah und Elisabeth einfach nur eine Freude machen. Vor der Hütte angekommen verließ ihn allerdings der Mut und anstatt anzuklopfen und hineinzugehen stand er vor der Haustüre und traute sich nicht weiter. Er hatte schon eine Weile vor der Tür im Schnee gestanden und wollte gerade die Äpfel und Nüsse einfach vor die Tür legen, da hörte er plötzlich ein Geräusch.
Der Schnee knirschte hinter ihm und Lukas wusste, dass irgendjemand auf ihn zukam. Lukas war normalerweise kein Angsthase, aber jetzt fühlte er sein Herz bis zum Hals pochen. Er wagte es kaum noch zu atmen.
Er stellte sich ganz dicht an die Hauswand. Lukas hoffte, so nicht entdeckt zu werden. Die Schritte kamen näher. Lukas hoffte, der Andere würde einfach nur vorbeigehen. Die Schritte kamen jetzt noch näher, direkt auf die Hütte von Sarah und Elisabeth zu. Lukas hielt den Atem an. Ein großer Mann kam aus der Dunkelheit immer näher an die Hütte heran. Lukas konnte jetzt schon seinen Atem hören. Der Mann stellte sich vor die Tür direkt neben Lukas. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie sehr Lukas erschrak, als der Mann ihn entdeckte, aber auch der Fremde bekam einen mächtigen Schrecken, denn er hatte ja Lukas zuvor nicht wahrgenommen. Der Schreck durchfuhr sämtliche Glieder der beiden, während sie sich ängstlich in die Augen sahen.
Nach einer Weile fragte der Mann, nachdem er sich wieder gefasst hatte, mit sanfter Stimme: "Wer bist Du denn und was tust du hier mitten in der Nacht ?" Lukas nahm all seinen Mut zusammen, schließlich hatte er ja nichts Böses getan, sondern ganz im Gegenteil, er wollte ja nur helfen. Lukas fasste sich also ein Herz und sagte: "Ich heiße Lukas." Dann erzählte er von der Versammlung im Hause seines Vaters und von den armen Mädchen in der Hütte und von den Äpfeln und Nüssen, die er mitgebracht hatte.
Als Lukas fertig war, lächelte der Mann und sagte: "Ich bin auch gekommen um Sarah und Elisabeth zu helfen", und er holte aus seiner Tasche zwei paar schöne warme Winterstiefel heraus. Dann stellte er die Stiefel vor die Tür und Lukas legte seine Äpfel und Nüsse hinein. "Da werden sich Sarah und Elisabeth aber freuen", sagte der Mann und nahm aus seiner Hosentasche einige funkelnde Goldmünzen und legte sie zu Lukas Äpfeln in die Stiefel. "Damit sie sich Holz zum Heizen kaufen können", sagte er zu Lukas, der die Goldmünzen mit großen Augen ansah. "Ja das können sie gut gebrauchen", bemerkte Lukas und sah dem fremden Mann ins Gesicht. Auf einmal erkannte er den Mann:
"Du bist doch der reiche Herr Nikolaus" , sagte er zu dem Mann und der Fremde antwortete: "Ja, mein Name ist Nikolaus und dass ich reich bin, ist auch richtig, aber ich möchte den armen Kindern helfen, genauso wie du es getan hast." - "Aber warum gehst du dann nicht zu meinem Vater in die Versammlung und sagst ihnen, dass du helfen kannst ?" wollte Lukas wissen.
Der Nikolaus aber antwortete: "Ich möchte nicht, dass die Leute etwas davon erfahren und so viel darüber reden. Ich möchte einfach Gottes Werk tun. Verstehst du das ?" Lukas konnte den Nikolaus gut verstehen, denn schließlich war er ja auch heimlich aus dem Haus gegangen, um Sarah und Elisabeth zu helfen und vielleicht hatte ja der Nikolaus, genau wie er, nicht den Mut an die Türe der Hütte zu klopfen. "Du musst mir aber versprechen, dass das unser Geheimnis bleibt, ja ?!" Lukas versprach dem Nikolaus niemandem von ihrer Begegnung zu erzählen und so machten sie sich auf den Weg zurück zu Lukas Zuhause. Dort angekommen fragte Lukas den Nikolaus, ob er jetzt auch nach Hause gehe, doch der Nikolaus erzählte ihm, dass er in die Kirche gehen wolle um zu Gott zu beten.
Als Lukas wieder auf seinem Stuhl neben seinem Vater saß, war er darüber erleichtert, dass keiner der Erwachsenen etwas von seinem nächtlichen Ausflug bemerkt hatte und niemand Fragen stellte. Lukas hörte den Erwachsenen zu, wie er es immer tat.
Die Ratsversammlung besprach gerade ein anderes wichtiges Problem, denn der alte Bischof der Stadt war gestorben. Niemand wusste, wer denn nun der neue Bischof von Myra werden sollte. Damals war es nämlich Aufgabe des Rates der Stadt einen neuen Bischof zu bestimmen. Am liebsten hätte Lukas zu seinem Vater gesagt: "Ich möchte, dass der Nikolaus Bischof wird. " Aber dann hätte sein Vater bestimmt gefragt: "Warum soll der Nikolaus Bischof werden?" Und was hätte Lukas auf diese Frage antworten können ? Er hatte ja dem Nikolaus versprochen, nichts davon zu erzählen, dass der reiche Nikolaus ein frommer Mann ist, der heimlich in die Kirche geht und jetzt sicher dort sitzt und betet.
Da hatte Lukas einen Einfall und er sagte zu seinem Vater: "Wenn ihr nicht wisst wer Bischof werden soll, so geht doch einfach ganz früh am Morgen vor die Kirche und wartet wer als Erster aus der Kirche herauskommt und derjenige soll dann Bischof werden."
Die Erwachsenen sahen Lukas mit großen Augen verwundert an, aber nach einer Weile fanden sie den Vorschlag des kleinen Jungen gut und so ging die ganze Ratsversammlung am nächsten Morgen ganz früh vor die Kirche und wartete. Lukas musste natürlich unbedingt mitkommen und er hoffte, dass der Nikolaus noch in der Kirche war. Sie warteten schon eine ganze Zeit vor der Kirche als auf einmal langsam die schwere Kirchentüre geöffnet wurde und der Nikolaus heraustrat.
Ihr könnt euch natürlich vorstellen wie froh und erleichtert Lukas war, den Nikolaus zu sehen, und wie erstaunt die Menschen waren, dass da der Nikolaus als Erster aus der Kirche kam. Am meisten erstaunt aber war der Nikolaus selbst, als er am frühen Morgen so viele Menschen vor der Kirche sah und als sie ihm sagten, dass er der neue Bischof von Myra sei. Und so wurde der Nikolaus Bischof von Myra in Kleinasien.
(Zu einem Bischof gehören natürlich auch die Gewänder und weil der Nikolaus ja jetzt Bischof geworden war, möchte ich euch diese Bischofsgewänder zeigen)
Nun möchtet ihr sicher auch noch wissen, was aus dem kleinen Lukas geworden ist, der die gute Idee hatte, damit der Nikolaus Bischof werden konnte. Nun, Lukas hat sein Versprechen gehalten und niemandem von seinem Treffen mit dem Nikolaus vor der Hütte von Sarah und Elisabeth erzählt, aber er hat dem Nikolaus in den nächsten Jahren oft geholfen. Er hat mit dem Nikolaus zusammen nachts den armen Kindern der Stadt Sachen vor die Tür gelegt. Und als der Nikolaus zu alt wurde, um den schweren Sack mit den Geschenken durch die Straßen zu tragen, da hat Lukas die Arbeit für den Nikolaus alleine weitergemacht.
Und auch als der Bischof Nikolaus schon gestorben war und Lukas ein erwachsener Mann geworden war, hat er weiter Geschenke an die Kinder verteilt. In Erinnerung an den Bischof Nikolaus hat er dies immer am Geburtstag vom Nikolaus am 6. Dezember getan. Und so wie einst der Nikolaus seinen Freund Lukas gefunden hatte, so hat auch Lukas selbst immer wieder Freunde gefunden, die ihm geholfen haben den Kindern heimlich Geschenke zu bringen. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Überall auf der Welt finden Kinder am Morgen des 6. Dezember, dem Tag des heiligen Nikolaus, Geschenke vor ihrer Wohnungstür und ihr wisst jetzt auch, wie dies alles einmal angefangen hat.