Gnadenreiche Zeit

von Martin Maxeiner. Eine Erwachsenenreden aus dem Jahr 2002.

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

Ich gehe durch die Fußgängerzone unserer Stadt. Es wird langsam Abend, heiliger Abend.

Ich gehe über den Marktplatz, auf dem noch vor wenigen Stunden das geschäftige Treiben der Einkäufe vor den Feiertagen geherrscht hat. „Von wegen: festlich und feierlich...“, denke ich bei mir. Ich gehe weiter, vorbei an den Auslagen der Geschäfte. Jetzt in der Dämmerung sind sie tatsächlich still erleuchtet.

Da sehe ich vor einem der Schaufenster eine kleine Gestalt. Das Licht aus dem Schaufenster reflektiert auf seiner Kleidung, oder strahlt es selbst?

Ich bleibe neben ihm vor dem Schaufenster stehen.

„Du?“ Ich kann es gar nicht fassen: „Du? – Hier?“ Als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt antwortet das Christkind: „natürlich bin ich heute hier, es ist doch der heilige Abend.“ – „Ja, aber was suchst du ausgerechnet hier in der Fußgängerzone, nach Ladenschluss?“

Die Straße ist wie ausgestorben. Auf der anderen Seite schließt ein Mann das Rolltor des Parkhauses und entfernt sich schnell. „Jetzt sind doch alle zu Hause oder in der Kirche, was willst du hier?“

„Ich komme immer am heiligen Abend zu den Menschen“, sagt das Christkind, „aber als ich heute Morgen hier war, da hatte niemand Zeit für mich, sie haben mich gar nicht bemerkt, ich verstehe das nicht...“ – „Das verstehe ich auch nicht“, antworte ich und will gerade ausholen, wie ich mich jedes Jahr darüber wundere wie wenig Zeit uns im Advent zur Besinnung bleibt, statt dessen Hektik, Stress und Termine, ich will mich gerade auslassen über unsere Konsumwelt und den Kaufrausch vor den Feiertagen, da wiederholt das Christkind: „Ich verstehe das nicht...“, und ich merke erst jetzt, dass es ihm wohl um etwas anderes geht. Seine Augen sind immer noch auf das Schaufenster fixiert. Ich schaue hinein und sehe unter einigen hübsch dekorierten Paketen ein Schild mit der Aufschrift: „Geschenke in letzter Minute“

„Geschenke in letzter Minute“, liest das Christkind vor: „Was hat das zu bedeuten?“ – „Jetzt, wo die Geschäfte geschlossen haben, kann man halt nichts mehr kaufen“, sage ich.

„Kaufen?“ Das Christkind sieht mich mit großen Augen an: „ Kannst du denn ein freundliches Wort kaufen? Kannst du die Zuneigung eines Menschen mit Geld bezahlen? Kannst du auch nur eine Minute deines Lebens damit aufwiegen? Ist das nicht das Schönste an Weihnachten, dass es still wird und Zeit ist solche Geschenke zu machen:

Geschenke der Versöhnung, Geschenke der Verzeihung, Geschenke des Friedens zwischen den Menschen?

Und Geschenke des Dankens, Geschenke, die von Herzen kommen.

Wir haben zu Weihnachten mit der Geburt Christi die Liebe geschenkt bekommen und jetzt ist die Zeit sie weiter zu verschenken. Dafür gibt es keine letzte Minute – auch nicht nach den Feiertagen!“

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus ins freie Feld,
Hehres Glänzen, heil´ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnee's Einsamkeit
Steigt´s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!