Markus und der Nikolaus

von Martin Maxeiner. Eine Erwachsenenreden aus dem Jahr 2001.

Die beiden haben sich zum ersten Mal getroffen als Markus 4 Jahre alt war. Der Nikolaus hatte ihn im Kindergarten besucht, und Markus hatte Angst vor dem heiligen Mann. Er musste seinen ganzen Mut zusammennehmen um gemeinsam mit den anderen Kindern  ein Lied für den Nikolaus zu singen.

Im nächsten Jahr ist es dann geschehen. Der Nikolaus wollte Markus zu Hause besuchen, da rutschte er auf der Treppe im Vorgarten aus. Er versuchte noch sich am Geländer festzuhalten, aber das war genauso glatt, wie die Treppenstufe und so fiel der Nikolaus auf die Nase. Nein, das heißt eigentlich fiel er nicht genau auf die Nase, sondern er landete eher mit dem Gegenteil in der kleinen Hecke neben dem Gartenweg. Markus, der schon ängstlich aus dem Fenster das Kommen des heiligen Mannes beobachtet hatte, erschrak: Plötzlich hatte er keine Angst mehr vor dem Nikolaus, er hatte vielmehr Angst um ihn. Er lief so schnell er konnte zur Tür hinaus.

Als er das besorgte Gesicht des Jungen erblickte, lächelte der Nikolaus und sagte: „Keine Angst, alles in Ordnung“ und stand langsam wieder auf. Markus war heilfroh, dass nichts Schlimmeres passiert war: „Aber du bist ganz nass und schmutzig geworden“, sagte er,“ komm erst einmal herein.“ Als sie im Wohnzimmer standen, sah der Nikolaus, dass Markus recht hatte: Sein schönes Gewand war nass und unten hingen dicke Dreckklumpen am Saum, ein Stück vom Stoff war eingerissen. Der heilige Mann sah auf einmal gar nicht mehr so würdevoll und feierlich aus, aber erst recht nicht zum Fürchten.

„Jetzt zieht der Nikolaus erst mal seinen Mantel aus und ich hänge ihn ins Bad zum Trocknen“, schlug Markus Mutter vor. Und dann hat der Nikolaus bei einer warmen Tasse Kakao Markus Geschichten erzählt, während der Mantel trocknete.

Anschließend hat Markus Mutter den Dreck herausgebürstet und den Riss im Stoff wieder säuberlich zugenäht. Markus hatte auch jetzt, als er sein Gewand wieder anzog, keine Angst mehr vor dem Nikolaus, denn schließlich hatte der ihm ja versprochen, dass er der Freund aller Kinder ist. Markus war sogar etwas traurig, als der Nikolaus sagte, er müsse nun weiterziehen. Aber dann drehte sich der Mann noch einmal zu dem Jungen um und flüsterte ihm ins Ohr: „Du brauchst keine Angst zu haben, vor niemandem im Leben, denn du hast einen Freund: den Nikolaus ! Im nächsten Jahr komme ich dich wieder besuchen.“

Und so sind sie Freunde geblieben: Der Nikolaus, der in jedem Jahr Markus wieder besucht und Markus, der keine Angst mehr hat und sich in jedem Jahr wieder auf den Besuch des Nikolaus freut.

Inzwischen ist Markus selbst ein erwachsener Mann geworden. Er sitzt am Abend im Wohnzimmer, vom Adventskranz fällt der Lichtschein in den Raum, es duftet nach Tannennadeln, als sich plötzlich, wie von Zauberhand, die Türe öffnet und das Christkind hereinkommt. – Das Christkind ?

Markus ist überrascht und fragt: „ Was machst du denn hier ? Heute ist doch noch gar nicht der heilige Abend, du bist zu früh!“ – „ Zu früh ?“ Das Christkind sieht ihn mit großen Augen verwundert an: „ Ich dachte, du brauchst einen Freund.“ – „Aber ich habe keine Angst“, entgegnet er. – „So ? Und was ist mit Terror und Krieg, was mit Rezession und Arbeitslosigkeit, was mit ....“ – „Gut“, sagt er, „aber das ist ja auch irgendwie zum Fürchten, alles so unfassbar, unerklärlich, verwirrend.“ – „In wenigen Tagen feiern wir Weihnachten“, spricht da das Christkind, „ die Geburt von Jesus Christus, der gesagt hat: Fürchtet euch nicht, denn ich bin bei euch ! Du hast dich doch immer auf die Besuche in der Weihnachtszeit gefreut, seit ihr Freunde geworden seid, damals ...“ – „Ja“, sagt er, „und ich freue mich auch und gerade in diesem Jahr auf den heiligen Abend, denn ich versuche mir den Zauber der Weihnacht aus meiner Kindheit zu bewahren.“ – „Ich weiß“ , sagt das Christkind, „ und deshalb habe ich eine Frage an dich: Was würdest du tun, wenn du keine Angst hättest ?“