Heiliger Abend . . . oder ein etwas anderes Weihnachtsmärchen

von Jürgen Kirchberg. Eine Erwachsenenreden aus dem Jahr 2000.

Es war der Heilige Abend. Die kleine Sarah wartete aufs Christkind, gemeinsam mit ihrem größeren Bruder.

Eigentlich war das gar nicht ihr Bruder. Aber die Mama hatte gesagt, dass er jetzt ihr neuer Bruder sei. Genauso, wie sie zu dem fremden Mann, der jetzt mit in ihrem Haus wohnte, Papa sagen musste, obwohl der gar nicht ihr Papa war. Ihr Papa war weg, wegen "psychischer Grausamkeit", hatte ihre Mama gesagt. Dabei konnte niemand so toll lachen und witzige Geschichten erzählen wie ihr Papa. Und überhaupt: Mama hatte ja schon eine Freundschaft mit dem "neuen Papa", als ihr Papa noch bei ihnen wohnte. Aber so viel sie auch darüber weinte, ihr Papa war nicht mehr da.

Gerade fing ihr "neuer" Bruder an, sie zu ärgern. Er sagte immer wieder: "Es gibt gar kein Christkind. Und auch keinen Weihnachtsmann." Das konnte gar nicht sein. Das wusste sie ganz genau, weil sie ja im letzten Jahr das Christkind und den Weihnachtsmann gesehen hatte. Die beiden hatten mit Papa gesprochen und hinterher hatte Papa gesagt, er habe dem Christkind genau erklärt, was sich Sarah zu Weihnachten wünscht. Ihre Mama konnte sie nicht fragen, die war schon den ganzen Tag böse. Weil angeblich die Weihnachtsgans verbrannt sei. Aber das konnte nicht sein, weil: das hätte man doch gerochen...

Wen aber konnte sie fragen, ob es das Christkind gibt, damit ihr "neuer" Bruder endlich ruhig war. Da fiel ihr ein, was ihr Papa ihr einmal gesagt hatte: Der Mond weiß alles. Den kann man alles fragen. Und wenn man genau hinhört, versteht man sogar, was er sagt. Aber: Die meisten Menschen verstehen den Mond nicht. Weil sie ihr Herz nicht aufmachen können oder - wie Papa sagte - kein Herz mehr haben.

Schnell zog sich Sarah ihren warmen Mantel an und rannte raus, um den Mond zu fragen. Da: groß und rund stand der Mond am Himmel und blickte gutmütig auf sie herab. Erst traute sie sich gar nicht, mit dem Mond zu reden. Ganz vorsichtig fing sie an, den Mond anzusprechen und dann plötzlich brach es aus ihr heraus. Sie erzählte dem Mond alles, was sie auf dem Herzen hatte. Von ihrem "neuen"

Bruder, der sie immer ärgerte, von der Blumenvase, die er kaputtgemacht hatte und dass er Mama und dem "neuen Papa" erzählte, sie wäre das gewesen. Von der Prügel und von dem Stubenarrest. Und was am schlimmsten war: Davon, dass ihre Mama gesagt hatte, sie würde mit dem Christkind reden und das Christkind sollte die große Puppe, die sprechen konnte, nicht bringen.

Dabei wünschte sie sich nichts mehr, als diese Puppe. Doch halt: Etwas gab es, das sie sich noch mehr wünschte: Dass ihr Papa kommt und sie holt und mit ihr wieder wie früher lacht und Streiche mit ihr macht. Der Mond hörte zu, was sie ihm alles sagte und plötzlich schaute er ganz traurig.   Ein Stern, der ganz nah bei dem Mond war, flog plötzlich los auf die Erde zu. Genau auf das Haus, in dem Sarah wohnte. Ganz still stand sie da und schaute genau zu. Das Haus sah so aus, als ob alles Licht der Welt auf einmal angemacht worden sei.

Und dann hörte sie ganz genau, wie der Mond zu ihr sagte: „Geh jetzt nach Hause. Dein Papa wartet auf dich. " Wie der Blitz rannte sie auf das Haus zu. Völlig außer Atem kam sie an.   Die Haustür ging auf und ihr Papa stand da.

Sie sprang ihm auf den Arm und weinte vor Freude. "Papa, Mensch Papa, dass du da bist! Nichts habe ich mir mehr gewünscht!"

Als sie ihren Papa ansah, merkte sie, dass auch er Tränen in den Augen hatte.

"Ist ja gut, meine kleine Prinzessin", sagte er. "Jetzt können wir wieder zusammen wohnen."

Ohne, dass sie etwas wusste, hatte ihr Papa dafür gesorgt, das sie wieder bei ihm sein  konnte. "Geh jetzt rein und sage deiner Mama auf Wiedersehen. Ich komme gleich nach und hole dich." Sarah lief ins Wohnzimmer und sah ihre Mama. "Mama, Mama, der Papa ist da und holt mich ab", rief sie, "Ja, mein Kind", sagte die Mama und schaute sie an wie eine Fremde.

Da ging die Tür auf und der Weihnachtsmann kam herein. Ehrfürchtig stand Sarah da und schaute ihn an.

Was hatte der Weihnachtsmann denn da in seiner Hand?

Genau die Puppe, die sie sich so sehr gewünscht hatte!

Er kam auf sie zu und lachte sie an. Komisch, dachte sie, der lacht genau so wie Papa