Der Stern der Liebe

von Martin Maxeiner. Eine Erwachsenenreden aus dem Jahr 1998.

Es war eine kalte, dunkle Nacht, als er ihn zum erstenmal am Himmel erblickte. Hell leuchtete ein Stern in der Ferne am Firmament. Ein Stern, wie er ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Was hatte das nur zu bedeuten ? Schließlich kannte er sich als Gelehrter doch aus mit den Sternen. Dieser Stern aber war etwas Besonderes: Er leuchtete heller und klarer als die anderen, so als wollte er sagen: “Folge mir, ich zeige Dir den Weg zu einem ganz besonderen Ort”.

Am nächsten Morgen sprach er mit zwei anderen Gelehrten über das, was er in der Nacht zuvor gesehen und gespürt hatte und erstaunlicherweise war es den beiden anderen genauso ergangen wie ihm. Auch sie hatten den Stern am Himmel entdeckt und das Gefühl, ihm folgen zu müssen, verspürt.

Was sollten sie jetzt tun?

Einfach aufbrechen und alles zurücklassen? Ihre Heimat, ihr Haus, ihre Freunde, ihre Arbeit, einfach alles aufgeben, nur um einem Gefühl zu folgen?

Alles einfach loslassen, die Sicherheit und Geborgenheit ihres bisherigen Lebens verlassen?

Wofür?

Schließlich gab es keine Garantie, dass sie etwas finden würden am Ende ihres Weges, von dem sie nicht einmal wussten, wie lange und beschwerlich er sein werde. Einem Stern zu folgen - einfach so - weil sie daran glaubten, das würde wohl keiner verstehen. Man würde sie für verrückt halten, ein solches Risiko einzugehen und vielleicht, nein ganz sicher sogar, war es verrückt, diesem Stern zu folgen.

Und dennoch machten sich die drei Weisen aus dem Morgenland auf den Weg. Sie ließen viel zurück. Zu viel, wird mancher von uns jetzt denken, denn so ein

Aufbruch in eine ungewisse Zukunft fällt schwer. Heißt es doch Abschied nehmen: Abschied nehmen von liebgewonnenen Gewohnheiten, Abschied nehmen von alltäglichen Tätigkeiten, Abschied nehmen von nahestehenden Menschen.

Und dennoch machten sich die drei Weisen aus dem Morgenland auf den Weg. Sie folgten ihrer Hoffnung, trotz oder gerade weil sie nicht dem Verstand gehorchten.

Wir alle kennen das Ende dieser Geschichte: Sie kamen nach Betlehem und fanden das Kind in der Krippe. Ihre Hoffnung wurde nicht enttäuscht, denn sie waren dem Stern der Liebe gefolgt.

Und wenn wir in wenigen Tagen Weihnachten feiern, so spüren wir, dass die Geburt Jesu Christi mehr ist, als wir mit unserem Verstand erfassen können.

Wir spüren diesen Zauber der Weihnacht und nennen es das Fest der Liebe.

Jedoch, dem Stern der liebe zu folgen, ist nicht ohne Risiko, denn wer liebt, riskiert enttäuscht zu werden, wer seinem Gefühl folgt, riskiert, nicht verstanden zu werden und wer Abschied nimmt, riskiert die Einsamkeit.

Aber ohne Risiko gibt es kein Vorwärtskommen, ohne Veränderung gibt es keine Hoffnung.

Und darum sollten wir den Mut haben, von Gewohnheiten und Alltäglichem Abschied zu nehmen, damit wir frei werden, dem Stern zu folgen. Wenigstens im Advent sollten wir den Mut haben, unserem Herzen zu folgen und über der Krippe den Stern der Liebe neu zu entdecken.

Dann werden wir die Freude spüren, die uns der Heilige Abend auch in diesem Jahr zum Geschenk machen will.

Als aller Hoffnung Ende war
in dem dunklen Weltenlauf
da ging im Stall zu Betlehem
der Stern der liebe auf.