Das Geschenk

von Martin Maxeiner. Eine Erwachsenenreden aus dem Jahr 1996.

Es war eigentlich wie in jedem Jahr am heiligen Abend: Der Weihnachtsbaum erstrahlte im Licht der Kerzen und die Kinder warteten ungeduldig auf die Bescherung. Da hörten wir ein Läuten. Ein kleines Glöckchen ertönte von fern und kündigte uns an, dass das Christkind dagewesen sein musste, denn wie von Zauberhand lagen nun unter dem Weihnachtsbaum lauter kleine und große Päckchen. Sie waren alle schön anzusehen und sorgfältig mit einer Schleife verschnürt. An der Schleife hing jeweils ein kleines Schild mit dem Namen der Kinder darauf. Die Kinder konnten ihre Neugierde nicht länger zügeln und begannen eifrig mit dem Auspacken der Geschenke. Auf einmal kam eines der Kinder auf mich zu und gab mir ein Paket in die Hand. “Für mich?”  -  Ich war etwas überrascht, aber in der Tat, auf dem kleinen Zettel stand mein Name und außerdem konnte ich dort lesen: “Eine frohe Weihnachtszeit wünscht Dir das Christkind !”

Das Christkind, also doch ! Aber was wird mir das Christkind wohl schenken ? Genauso eifrig und ungeduldig wie eben noch die Kinder, öffnete ich das Paket. Über den Inhalt war ich sehr erstaunt. Das Paket war nämlich bis oben hin voll mit Zeit.

Was hatte das zu bedeuten ?

Kann man denn einfach so Zeit verschenken ?

Ich habe es dann einmal ausprobiert und ein wenig Zeit aus meinem Paket genommen. Ich habe mir die Zeit genommen und sie mit anderen Menschen geteilt. Es war ein herrliches Gefühl zu wissen, dass ich im Paket noch jede Menge Zeit übrig hatte.

Und deshalb möchte ich Ihnen heute etwas Zeit schenken. Zeit um mit anderen zu reden, Zeit um mit den Kindern zu spielen, Zeit um einem Menschen zu helfen, Zeit aber auch, die sich jeder einmal für sich selbst nehmen kann. Ich habe nämlich gemerkt, dass mein Paket vom Christkind einfach nicht leer wird, denn für die Zeit, die ich schenke, erhalte ich auch immer wieder Zeit geschenkt.

Deshalb schenke ich Ihnen allen heute Zeit, denn die braucht man im Advent, um sich wirklich auf das Fest der Geburt Jesu Christi vorzubereiten. Ich schenke Ihnen Zeit und hoffe, dass Sie dieses Geschenk annehmen und auch benutzen: Sie können die Zeit mit anderen teilen, oder sie weiter verschenken oder Sie behalten die Zeit für sich, denn jeder von Ihnen braucht manchmal etwas Zeit für sich selbst zum Nachdenken, zum Entspannen, zum Leben.

Wenn man Sie dann fragen sollte, woher Sie die Zeit haben dieses oder jenes gerade jetzt zu tun, so antworten Sie doch ganz einfach: “Die Zeit dazu ist ein Geschenk vom Nikolaus !”